Die Umarmung

Was zum...?
Meine Mutter und mein Vater stehen vor mir. Keiner weiß, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll. Wut, Trauer, Angst, Scham, ein Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. “Dein Bruder hat Down-Syndrom.” Mir kommen die Tränen. Mein Bruder ist anders. Ich weiß was Down-Syndrom heißt, erst vor zwei Wochen haben wir es im Biologie-Unterricht besprochen. Er ist anders, er wird nie normal sein wie andere Kinder. Ich habe einen Bruder mit Behinderung. Wie das klingt...
Am nächsten Tag ist Schule. Ich treffe eine Freundin im Bus und ich breche wieder in Tränen aus. Ich schäme mich sagen zu müssen, dass mein Bruder behindert ist. Das er anders ist. Ich weiß gar nicht, wie ich den heutigen Tag schaffen soll. Mit Mühen setze ich mich in der Klasse auf meinen Platz, trauere leise vor mich hin, jeder, dem ich bisher begegnet bin, fragt, was denn los sei. Ich mag nicht mehr darüber reden, nicht nach den hundert Malen davor.
Da betritt meine Freundin, die hinter mir sitzt den Raum. Noch weiß sie nichts. Sie steht da, sieht mich an und umarmt mich. Einfach so. Sie fragt gar nicht, was los ist, sie umarmt mich einfach und spendet mir Trost.
Inzwischen ist schon einiges an Zeit vergangen. Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, spüre ich tiefe Dankbarkeit und Liebe. Ich kann mich gar nicht mehr an ihr Gesicht erinnern, nur noch an die Umarmung. Es war, als hätte mich Jesus umarmt. Ich weiß, das klingt total komisch. Aber ja, so fühlte es sich an: Ich wurde umarmt um getröstet zu werden, nicht um zu erfahren was passiert ist, nein, einfach nur spüren dürfen, es ist jemand da. Und in dieser Liebe ist Gott da.
Seit dieser Begegnung war ich nie wieder traurig darüber wie mein Bruder ist, diese Umarmung hat mein Herz so erwärmt, heute bin ich einfach nur Dankbar über diesen Weg.